In diesem Jahr wäre er 90 Jahre alt geworden. Wer er war?
Die medizinische Diagnose über Emil Josef Diemer lautete 1965
bei der Unterbringung ins Kreispflegeheim Fußbach: Prophetenwahn
bei alter paranoid-halluzinatorischer Psychose.
Aber es gibt über jeden Menschen unzählige Diagnosen. Herbert
Zoberst, der Emil Josef Diemer 25 Jahre lang kannte, und
jahrzehntelang das Zweibettzimmer in Fußbach mit ihm teilte,
sagte ganz schlicht noch vor wenigen Tagen: Er war ein guter
Kamerad. Er war ein guter Mensch.
Emil Josef Diemer war ein von manchen vergöttertes, von manchen
verteufeltes Schachgenie. Er prägte eine ganz bestimmte
Spieleröffnung, die heute noch seinen Namen trägt: Das moderne
Blackmar-Diemer-Gambit. Von Anfang an auf Matt! war sein
Grundsatz, den er mit Vehemenz verteidigte gegen alle Taktiererei
auf Remis. Bücher sind darüber geschrieben worden, eine
Diemer-Gemeinde hat sich etabliert, Gedenkspiele werden
organisiert. Einer seiner Schüler hat eine Biographie über ihn
geschrieben, die mehr Fragen offen läßt als sie beantwortet.
Groß- und Weltmeister versuchten das Diemersche Gambit, manche
verwarfen es, manche benutzten es.
DER SCHACHMEISTER: der Gengenbacher Maler Otto Lohmüller hat Emil Josef Diemer acht Jahre vor seinem Tod porträtiert.
Viele haben ihn gesehen und erinnern sich gern, wie er morgens zu
Fuß auf der Landstraße von Fußbach, wo er im Lauf der Jahre
freien Ausgang erhalten hatte, nach Gengenbach ging, eine dürre,
lange Gestalt (1,90 m) mit weißem Bart. Viele haben ihn in der
Stadt gesehen, im Cafe Birnbräuer etwa. Dort saß er immer am
selben Platz, las Zeitung, und telefonierte mit der ganzen Welt,
mit Gorbatschov oder Schäuble, und natürlich nahm ihn keiner
von denen mehr so ganz ernst, und die Wirtin bat ihn
schließlich, zum Telefonieren doch hinüber in die Post zu
gehen, dort würde er auch die anderen Cafegäste nicht stören.
Seit Eröffnung des Cafes im Jahr 1972 saß er hier auf seinem
Stammplatz, freundlich geduldet und immer willkommen bis zuletzt.
Die Wirtin meinte, es sei ein schmaler, ein hauchdünner Pfad
zwischen Genie und Wahnsinn, das könne man bei ihm lernen. Der
Gengenbacher Otto Lohmüller malte ihn hier (Abb.: Schachmeister)
Diemers Schwester lebt in Baden-Baden, betagt und voller
Erinnerungen. Schach war sein Leben, sagt sie. Geboren wurde er
in Radolfzell, die Schule besuchte er in Karlsruhe. Dort hat er
auch sein Abitur gemacht, hat aber danach keinen Beruf ausgeübt.
Überhaupt: ohne helfende Hände wäre er überhaupt nicht über
die Runden gekommen. Er starb verschuldet, die Schwester hat das
Erbe (die Schulden also) ausgeschlagen.
Sein Erbe? Das sind auch endlos viele Zahlenbriefe. Diemer, der
in den dreißiger Jahren ein bekannter Schachjournalist war und
aus dem Ausland ins Reich berichten durfte, hat in den 60er
Jahren jenes Erlebnis gehabt, das die einen als Ausbruch einer
Schizophrenie ansehen, die anderen als religiöses Erlebnis (er
hielt sich für die Reinkarnation des Erzengels Gabriel). Von nun
an widmete er für Jahre seine ganze Kraft dem Entschlüsseln
geheimer Botschaften., die sich hinter den Dingen, auch hinter
den Zahlen verbargen und nur dechiffriert zu werden brauchten.
ZAHLEN, ZAHLEN, ZAHLEN: Ist es das, was die Welt im Innersten zusammenhält?
Der Schachmeister Emil Josef Diemer versuchte die Welt als verschlüsselte Botschaft zu verstehen.
Er konnte sich dabei auf eine jahrtausendealte Tradition berufen.
Die jüdische Kabbala, die griechisch - römischen Weissagungen,
die mittelalterlichen Visionen einer Hildegard von Bingen, vor
allem Nostradamus - sie und viele, viele andere hatten versucht,
die Welt als verschlüsselte Botschaft zu sehen, zu lesen und zu
deuten. Berühmt geworden ist eine Bibelstelle in der Apokalypse
des Johannes, wo der Antichrist als Zahl angegeben ist! Endlos
viele kleine und große Geister haben diese Zahl zu deuten
versucht. Auch im Offenburger Museum im Ritterhaus befindet sich
eine derartige Rechnung, die - ganz dem damaligen Zeitgeschmack
der Französischen Revolution entsprechend - Frankreich zum
bösen Tier Antichrist erklärt!
Von der Richtigkeit seiner Berechnungen war Diemer fest
überzeugt. Sie brachten ihn schließlich erst nach Emmendingen
ins Landeskrankenhaus, dann ins Pflegeheim: Bei der Beerdigung
eines Mannes schrie Diemer damals dazwischen, er habe das
Sterbedatum genau berechnet, es könne einfach nicht sein, daß
der Mann tot sei, hier würde ein Lebendiger begraben.
In Fußbach fand er schließlich Pflege und Unterkunft. Das Heim
erlaubte ihm auch Reisen zu nationalen und internationalen
Schachtournieren. Diemer plagte dabei zwar die anwesende
Schachgemeinde ständig mit seinen Prophezeiungen, verblüffte
aber nach wie vor durch sein Schachspiel, und konnte sogar einen
Freiburger Schachclub mit seinem Spiel in die höhere Liga
bringen. Sein Spielplatz war immer umlagert, vor allem von
jüngeren Spielern, die er allein schon durch seine Erscheinung
faszinierte, aber natürlich auch durch sein freies,
unkonventionelles Spiel.
Seine Schwester: "Er hat es mit den Zahlen gehabt, man hat
jedoch nichts damit anfangen können. Interessant ist aber, daß
er an einem 10.10. gestorben ist".
Die amtliche Sterbeurkunde ist noch genauer: Tatsächlich starb
er am 10. 10. 90, 10 Uhr 10! Ganz wie die Schwester meinte: Er
hat es mit den Zahlen gehabt.
Emil Josef Diemer ruht im Frieden des wunderbaren Bergfriedhofes
des Pflegeheimes. Eine schlichte Platte bezeichnet sein Grab.
(Anm.: Dank an Familie Buggle für den vertrauensvollen Hinweis,
an Michael Horn, an die Damen und Herren des Pflegeheimes, an
Herbert Zoberst!)
Fotos
Sollte noch jemand Fotos haben,
würde ich mich freuen diese hier zu zeigen.